
Anpassung nach der Emigration: Verlust, Krise und Neuanfang
Dieser Artikel ist meinen Landsleuten aus der Ukraine gewidmet sowie allen Menschen, die gezwungen waren, in ein anderes Land zu emigrieren — denn uns alle verbindet derselbe Schmerz: Verlust und Anpassung. Am Ende des Artikels erwartet Sie ein Test darüber, wie gut Sie sich an das Leben im neuen Land angepasst haben.
(Der Artikel wurde in der studentischen wissenschaftlichen Zeitschrift „Universum“, Ausgabe Nr. 06/2024, März, S. 215 veröffentlicht.)
Seit Beginn des Krieges in der Ukraine bin ich nach Deutschland migriert und habe selbst viele Erfahrungen gemacht, mit denen sich Migrant und Expats konfrontiert sehen. Diese Erfahrungen haben mich dazu bewegt, mich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen, darüber meine Diplomarbeit zu schreiben sowie mit Wohltätigkeitsorganisationen zusammenzuarbeiten, um Geflüchtete in ihren schwierigen Prozessen der Trauer um das verlorene Leben sowie bei der Anpassung an ein neues Land zu unterstützen.
Der Verlust der Heimat und die Krise der Identität
Wenn die Welt im Außen zusammenbricht, zerbricht auch die innere Welt des Menschen. Die Stützen, die sowohl die äußere als auch die innere Welt stabil hielten, verschwinden. Der Mensch verliert die Sinnhaftigkeit seines Lebens und damit auch sein Lebensziel. Mit Beginn des Krieges brach die Welt jedes Ukrainers zusammen, und mit dem Umzug in ein neues Land hatten viele Ukrainer das Gefühl, erneut geboren worden zu sein — hineingeboren in völlige Ungewissheit, nachdem sie ihr bisheriges Leben fast vollständig verloren hatten.
Die Menschen verloren ihre Häuser und ihren Besitz, hörten auf, sich innerhalb ihres eigenen Staates sicher zu fühlen. Viele verloren Angehörige, ihre Wohnung, ihre Schule oder ihre Arbeit — all jene Strukturen, die die soziale Identität eines Menschen formten. Die Gesellschaft begann sich weiter zu spalten; selbst unter Ukrainern entstanden neue Trennungen: diejenigen, die emigriert sind, und diejenigen, die geblieben sind; diejenigen, die Ukrainisch sprechen, und diejenigen, die Russisch sprechen; diejenigen, die sich im Kriegsgebiet befinden, und diejenigen, die sich an vergleichsweise sicheren Orten aufhalten. So zeigt sich, dass neben dem äußeren Krieg auch innere gesellschaftliche Konflikte die Gesellschaft auseinanderreißen.
„Früher war ich jemand, und jetzt bin ich niemand mehr.“ Migrant begegnen vielen Herausforderungen und oft auch einem starken Gefühl von Ungerechtigkeit: In der eigenen Heimat war man jemand, hatte eine Identität, einen Beruf, Anerkennung, Kontakte und einen sozialen Platz – und plötzlich fühlt man sich im neuen Land wie niemand. Abschlüsse werden häufig nicht anerkannt, berufliche Erfahrungen verlieren an Wert und es fehlen soziale Netzwerke sowie Reputation.
„Ich bin zum Fremden im neuen Land geworden, aber mit der Zeit auch zum Fremden in meiner eigenen Heimat.“ Viele sprechen außerdem von einem tiefen Verlust von Heimat und Zugehörigkeit. Im neuen Land bleibt man oft „der Fremde“, doch gleichzeitig hat sich auch die Heimat verändert, sodass man sich dort ebenfalls nicht mehr vollständig zugehörig fühlt. Beziehungen zu Freund und Bekannten verändern sich oder brechen auseinander, und viele Menschen erleben dadurch Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und einen inneren Identitätskonflikt.
Die Identität wird durch Erinnerungen geformt, und Erinnerungen sind eng mit dem Ort verbunden, an dem ein Mensch aufgewachsen ist. Wenn man jemanden bittet, sich an etwas zu erinnern — besonders an eine Kindheitserinnerung — erscheint zuerst ein bestimmter Ort vor dem inneren Auge. Jeder Mensch entwickelt von Kindheit an eine Beziehung zu einem bestimmten Territorium. Dieses Territorium ist nicht bloß ein Teil eines Landes; wir identifizieren uns über Orte, mit denen Gefühle und Erinnerungen verbunden sind.
Der Mensch repräsentiert sich selbst durch sein Land, seine Stadt, seine Straße und sein Zuhause. Er umgibt sich mit Eigentum, Beziehungen, Dingen und sozialen Gruppen, denen er angehört. In der Psychotherapie gibt es den Begriff der „Stabilisatoren“ — kleine Gegenstände wie Schlüsselanhänger, Fotos oder ein Stein vom Strand, die emotionale Sicherheit vermitteln. Viele Dinge im eigenen Zuhause bilden einen vertrauten Hintergrund, dessen Bedeutung oft erst beim Verlust sichtbar wird. In jeder Kleinigkeit steckt ein Teil der Erinnerungen, der Identität und der Seele eines Menschen.
Mit dem Verlust des Territoriums verliert der Mensch teilweise auch sich selbst — Fragmente seiner Identität. Wo etwas verloren geht, entsteht eine Leere, die Schmerz, Schuldgefühle, Einsamkeit, Scham, Sehnsucht und Hilflosigkeit hervorruft. Wenn ein Mensch an sein Zuhause denkt oder an Orte, an denen er Gleichgesinnte traf: eine Kirche, Organisation, Schule oder ein Büro — kann diese Leere spürbar werden. Es gibt eine territoriale Zugehörigkeit, und mit der Auswanderung verliert der Mensch das Gefühl von Boden unter den Füßen. Wenn sich das Selbstbild verändert, fällt es schwer, Perspektiven für die Zukunft zu sehen. Die Zukunft erscheint verschwommen und ungewiss, der Lebenssinn geht verloren. Wer Wurzeln und innere Stützen spürt, kann leichter seine Zukunft planen. Fehlen diese Stützen, wird Planung nahezu unmöglich.
Die Unmöglichkeit, die vertraute Landschaft oder Orte wiederzusehen, an denen man geliebte Menschen traf, verursacht Schmerz. Es kann das Gefühl entstehen, dass etwas für immer verloren gegangen ist. Deshalb kann die Rekonstruktion innerer Bilder der Heimat für den Menschen zu einer wichtigen Stütze werden und helfen, die eigene Identität wieder zusammenzufügen. (Ich erinnere mich an das Beispiel einer Frau, die sich im Ausland in einem sehr verwirrten und depressiven Zustand befand. Ihre Schwester half ihr, zu sich selbst zurückzufinden, indem sie von ihrer gemeinsamen Kindheit, der Familie und der Ukraine erzählte.)
Es macht auch einen Unterschied, unter welchen Umständen ein Mensch das Land verlassen hat: ob die Emigration eine bewusste und lange geplante Entscheidung war - ob sich die Person auf das neue Leben vorbereitet, Informationen über das neue Land gesammelt, die Sprache gelernt und sich innerlich auf mögliche Schwierigkeiten eingestellt hat — oder ob sie gezwungen war, plötzlich zu fliehen. Ebenso spielt eine Rolle, ob die Person in besetzten Gebieten lebte oder sofort fliehen konnte, ob genügend Zeit blieb, sich innerlich auf den Umzug vorzubereiten, wichtige Angelegenheiten zu erledigen und sich von bedeutenden Orten und Menschen zu verabschieden.
Zwischen zwei Ländern - das aufgeschobene Leben
Der Krieg dauert weiterhin an, und viele ukrainische Flüchtlinge wissen nicht, wann sie zurückkehren können. Viele leben „zwischen zwei Ländern“, was die Anpassung erheblich erschwert und das Angstniveau erhöht. Sie fühlen sich, als hätten sie weder Zeit noch einen festen Ort für ihre Zukunft.
Es gibt das Phänomen der „vergifteten Nostalgie“ sowie das „Syndrom des aufgeschobenen Lebens“. Der Mensch widersteht der Anpassung, weil er mit der Hoffnung lebt, in seine Heimat, sein Dorf oder seine Stadt zurückzukehren. Viele fühlen sich wie Verräter, weil sie ihr Land und ihre Angehörigen in schwierigen Zeiten verlassen haben. Das Leben im neuen Land wird entwertet, während das Leben in der Heimat idealisiert wird. Der Mensch beginnt zu glauben, früher keine Probleme gehabt zu haben und wie „im Paradies“ gelebt zu haben. Gedanken wie „Ich werde zurückkehren“, „Alles wird wieder wie früher“ oder „Der Krieg wird bald vorbei sein“ dienen als psychologischer Schutz.
Die Realität der Emigration ist oft so beängstigend und schmerzhaft, dass Illusionen als sicherer Zufluchtsort erscheinen. Der Mensch flieht vor sich selbst und vor unerträglichen Gefühlen — ständiger Angst, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit sowie der Trennung vom vertrauten Territorium, das symbolisch die Rolle der „Mutter-Erde“ einnimmt. Hinzu kommt die Herausforderung, sich an ein neues Umfeld anzupassen: eine andere Sprache, Kultur, Mentalität und gesellschaftliche Struktur. Manche Familien wurden über mehrere Länder verteilt; Beziehungen zu Freunden, Kollegen und der eigenen Gemeinschaft gingen verloren.
Ein Migrant durchläuft nicht nur die Phasen der Emigration, sondern gleichzeitig auch Trauerprozesse über verlorene Orte und Menschen. Dies beeinflusst die Identität und kann eine zuvor stabile Identität in eine diffuse verwandeln. Nicht integrierte emotionale Erfahrungen aus der Vergangenheit werden in neuen Situationen reaktiviert und erschweren die Anpassung, die Wahl passender sozialer Gruppen und die Entwicklung einer neuen sozialen Identität.
Anpassung, Angst und die Suche nach Zugehörigkeit
All dies zeigt, dass jede Emigration individuell verläuft. Die Bedingungen im neuen Land machen sichtbar, was verloren wurde und welche wichtige Rolle bestimmte Menschen, Gruppen oder sogar Gegenstände im Leben gespielt haben. Oft wurden sie als selbstverständlich betrachtet, obwohl sie in Wirklichkeit psychologische Stützen waren. Der Verlust dieser Stützen kann sowohl zur Krise der sozialen als auch der persönlichen Identität führen. Eine solche Krise wird häufig von dauerhafter Angst bis hin zu Panikattacken begleitet. Um die Angst zu reduzieren, greifen manche Menschen zu Alkohol oder Drogen, was die Situation zusätzlich verschlimmert.
Ein Mensch ohne innere Stützen verliert Orientierung, Selbstvertrauen und Vertrauen in die Welt. Die neue Mentalität, Kultur und die enorme Menge an Informationen und Fähigkeiten, die erlernen werden müssen, überfordern oft die psychischen Möglichkeiten des Menschen.
Zudem verliert der Mensch alte soziale Rollen und erhält neue: die Rolle des Migranten, des Flüchtlings, der alleinerziehenden Mutter oder der Frau ohne ihren Ehemann. Solche Rollen können gesellschaftlich negativ bewertet werden, was zusätzlich Unsicherheit hervorruft. Psychologen beschreiben die häufigsten Gefühle von Migranten als Verwirrung, ständige Angst und Unsicherheit. Der Status eines Migranten wird von der Umgebung manchmal sogar feindselig wahrgenommen, weshalb viele Angst haben, im neuen Land nicht akzeptiert zu werden. Aus Angst vor Ablehnung vermeiden manche Menschen, über ihre Herkunft zu sprechen. Dadurch kann sich eine soziale Identität entwickeln, die durch Ablehnung der eigenen kulturellen Werte und ein Gefühl ethnischer Minderwertigkeit geprägt ist.
Durch die ständige Informationsüberlastung entsteht oft Apathie und Gereiztheit. Die Menge an neuen Eindrücken und Anforderungen ist so groß, dass sowohl Gehirn als auch Psyche überfordert werden können. Dies kann zu Depressionen, Widerstand und Prokrastination führen. Viele Migranten verspüren Schuldgefühle gegenüber den Menschen, die in der Ukraine geblieben sind. Dieses Schuldgefühl kann dazu führen, dass Menschen die Bedürfnisse ihrer Angehörigen über ihre eigenen stellen und sich selbst vergessen. Die Wiederherstellung und Festigung einer sozialen Identität im neuen Land ist eine zentrale Voraussetzung für Anpassung. Gleichzeitig fördern Schritte in Richtung Anpassung wiederum die Bildung einer neuen sozialen Identität.
Besonders wichtig ist dabei das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Der Mensch möchte sich nicht fremd fühlen und beginnt deshalb, soziale Gruppen zu suchen, denen er angehören möchte. Oft bedeutet dies Veränderungen der eigenen Persönlichkeit und manchmal sogar das Gefühl, die bisherige Identität vollständig aufgeben zu müssen. Es besteht die Gefahr der Entstehung einer Pseudo-Identität oder einer doppelten Identität. Diese kann den Menschen zunächst schützen, später jedoch zerfallen oder dauerhaft bestehen bleiben, sodass der Mensch sich selbst verliert und nur noch funktional lebt.
Die Anpassung von Zwangsmigranten ist oft schwieriger, weil ihnen die ursprüngliche Motivation zur Migration fehlt. Ukrainische Flüchtlinge haben weder den Krieg noch den Umzug gewählt. Jeder ukrainische Flüchtling erlebt einen inneren Konflikt: Einerseits möchte er seine in der Ukraine gewachsene Identität bewahren, andererseits scheint diese Identität in den neuen Umständen manchmal unbrauchbar oder sogar hinderlich für die Anpassung. Deshalb durchläuft der Mensch erneut die Phasen der sozialen Identitätsbildung nach Henri Tajfel: Kategorisierung, Identifikation und Vergleich. Vor jedem Migranten stehen Fragen wie: „Wer sind wir und wer sind die anderen?“ „Wer möchte ich hier sein?“ „Welche Eigenschaften meiner früheren Persönlichkeit möchte ich behalten?“ „Welche neuen Fähigkeiten muss ich entwickeln, um mich besser anzupassen?“ Wenn ein Migrant Antworten auf diese Fragen findet, gelingt die Anpassung leichter.
Menschen, die bereits in der Ukraine über eine stabile soziale Identität verfügten, viele soziale Kontakte hatten und gelernt haben, ihren Platz in Gruppen zu finden, können diese Fähigkeiten auch im neuen Land nutzen — vorausgesetzt, ihre Identität bleibt flexibel und offen für Veränderungen. Für viele Ukrainer stellt sich zudem die Frage, ob sie ihre nationale und kulturelle Identität im Ausland bewahren können. Die gemeinsame Geschichte, Sprache, Kultur und sogar das gemeinsame Leid des Krieges können helfen, die ukrainische Identität auch fern der Heimat zu erhalten. Der Krieg wurde für viele Ukrainer zu einem Katalysator für die bewusste Wahrnehmung ihrer nationalen Identität. Immer mehr Menschen interessieren sich für ukrainische Geschichte, Literatur und Kultur und möchten diese Werte mit der Welt teilen.
Das Leben eines Migranten teilt sich in ein „Davor“ und ein „Danach“. Nach dem Umzug befindet sich der Mensch oft in einem Zwischenzustand zwischen zwei Kulturen: Die alte Kultur wurde bereits verlassen, die neue jedoch noch nicht verstanden oder angenommen. In dieser Phase ist es wichtig, stereotype Denkweisen zu hinterfragen und offen für neue Beziehungen, Denkmodelle und gesellschaftliche Strukturen zu sein. Zu Beginn erlebt der Mensch häufig Isolation — vor allem wegen der Sprachbarriere und des Kulturschocks. Mit der Zeit lernt er jedoch die neue Kultur kennen, beobachtet die lokalen sozialen Gruppen und erweitert dadurch seine eigene Wahrnehmung der Welt.
Es gibt verschiedene Arten der Anpassung: soziale, psychologische, wirtschaftliche und ethnokulturelle Anpassung. Die soziale Anpassung spielt dabei die wichtigste Rolle, da sie die Grundlage für alle anderen Formen der Integration bildet. Forschungen zeigen, dass sich Menschen am schnellsten anpassen, wenn sie viele soziale Kontakte aufbauen und vertrauensvolle Beziehungen entwickeln.
Emigration als Möglichkeit des inneren Wachstums
Emigration kann jedoch nicht nur Leid, sondern auch persönliches Wachstum fördern. Jede Krise kann eine Chance zur Entwicklung sein. Die Emigration zwingt den Menschen dazu, sich existenziellen Fragen zu stellen und über sich selbst nachzudenken. Die vertraute Kultur kann Menschen manchmal begrenzen. Durch die Migration zerbrechen alte Rollenbilder und Gewohnheiten. Dadurch entsteht die Möglichkeit, sich selbst außerhalb alter sozialer Rollen kennenzulernen. Im neuen Land entstehen neue Freiheiten, Möglichkeiten und Horizonte — aber gleichzeitig auch das schmerzhafte Gefühl, noch einmal ganz von vorne beginnen zu müssen.
Eine neue Kultur erweitert den Horizont und kann zur Entstehung einer postmigrantischen Identität beitragen — einer Identität, die nicht mehr ausschließlich an einen bestimmten Ort gebunden ist. Der Mensch kann sich dadurch dem Konzept eines „Menschen ohne starre Bedingungen“ annähern — eines Menschen, der anderen offen begegnet, Unterschiede akzeptiert und versucht, Beziehungen auf der Grundlage von Menschlichkeit, Verständnis und gegenseitigem Respekt aufzubauen.
Migration kann auch eine Trennung aus symbiotischen Beziehungen ermöglichen, aus denen sich ein Mensch über Jahrzehnte nicht lösen konnte. Der Umzug in ein neues Land kann daher auch ein Schritt in Richtung persönlicher Reifung und Separation sein. Während des Aufenthalts im neuen Land durchläuft der Mensch oft alle Phasen der Trennung: Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz.
Durch den Kontakt mit anderen Kulturen lernt der Mensch nicht nur andere Völker besser kennen, sondern versteht auch die eigene Kultur und Identität tiefer. Die soziale Identität in der Heimat wurde gemeinsam mit anderen Menschen aufgebaut — Eltern, Lehrern, Freunden und der Gesellschaft. Deshalb braucht der Mensch auch im neuen Land andere Menschen, um eine neue soziale Identität entwickeln zu können. Chuck Palahniuk sagte einmal: „In mir gibt es nichts Originelles. Ich bin das gemeinsame Werk all der Menschen, die ich jemals gekannt habe.“
Im Gegensatz zur Herkunftsgesellschaft erfolgt die Bildung einer sozialen Identität im Ausland oft bewusster und verlangt aktive Beteiligung des Individuums. Einige ukrainische Flüchtlinge beschrieben die Emigration als „eine zweite Geburt, um die sie nie gebeten haben“. Identität ist nicht statisch. Für Migranten ist es wichtig, neue Seiten an sich selbst zu entdecken und diese in ihre Persönlichkeit zu integrieren.
Besonders schwer haben es Menschen mit rigiden Charakterstrukturen und vielen Stereotypen, weil sie Veränderungen und neue Erfahrungen schwer akzeptieren können. Eine gesunde Identität ist hingegen mit Entwicklung, Flexibilität und der Fähigkeit verbunden, sich auch nach schweren Krisen wieder neu aufzubauen. Es ist wichtig, Menschen im neuen Umfeld als Spiegel und Quelle von Rückmeldungen zu betrachten, statt sich ausschließlich auf Ängste, Fantasien und Projektionen zu verlassen. Dabei kann eine persönliche Psychotherapie eine besonders wertvolle Unterstützung sein. Sie hilft nicht nur dabei, die enorme Menge an neuen Erfahrungen, Veränderungen und Emotionen innerlich zu verarbeiten und zu integrieren, sondern eröffnet auch neue Perspektiven und Möglichkeiten. Gleichzeitig unterstützt sie den Menschen darin, psychisch flexibler zu werden, sich besser an neue Lebensumstände anzupassen und trotz Unsicherheit innere Stabilität zu bewahren.
Je mehr ein Migrant der Realität begegnet, desto mehr innere Stützen kann er entwickeln — denn Realität schafft Orientierung, während Fantasien und Ängste diese oft zerstören. Ebenso wichtig ist es, keine Angst davor zu haben, sich selbst zu zeigen. Ehrliche Kommunikation, würdiges Verhalten und Authentizität helfen dabei, Vorurteile gegenüber Migranten abzubauen und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Jeder Mensch weiß selbst am besten, wer er wirklich ist. Wenn ein Mensch sich selbst vertraut und sich authentisch zeigt, können andere ihn als Persönlichkeit wahrnehmen — und nicht nur als soziale Funktion.
Literaturverzeichnis
- J. Turner, H. Giles. The Experimental Social Psychology of Intergroup Behaviour. Oxford, 1981.
- Dritte Vorlesung zur „Ethnischen und kulturellen Psychologie“: „Grundlegende statische Merkmale des Ethnos“.
- Kateryna Schewtschuk in Meta Novyny vom 12. Februar 2024.
- O. Saizew, A. Rusnatschenko, T. Hundorowa: Identität und Erinnerung in der postsowjetischen Ukraine.
- M. Sljusarewskyj, O. Blynowa: Psychologie der Migration.
Test „Wie gut hast du dich im neuen Land angepasst?“
Der Test wurde von mir selbst entwickelt – auf Grundlage psychologischer Forschungen sowie meiner persönlichen Überlegungen über den Einfluss von Migration auf die Identität eines Menschen.
Falls Sie die Ergebnisse gemeinsam mit mir besprechen möchten, können Sie mir gerne schreiben.
Anleitung
Wählen Sie bei jeder Frage eine Antwort aus.
1. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem materiellen Lebensstandard?
- Überhaupt nicht zufrieden
- Nicht ganz zufrieden
- Teilweise zufrieden
- Vollkommen zufrieden
2. Wie geht es Ihnen emotional?
- Sehr schlecht, ich habe oft depressive Zustände
- Eher schlecht
- Normal
- Gut
3. Wie gut verstehen Sie die Mentalität der Gesellschaft, in der Sie leben?
- Ich verstehe die Menschen um mich herum überhaupt nicht
- Ich verstehe die Menschen schlecht
- Ich verstehe oft ihre Denkweise und ihr Verhalten
- Ich verstehe die Menschen gut und ihre Mentalität ist mir nah
4. Wie angenommen fühlen Sie sich von der Gesellschaft?
- Ich spüre Feindseligkeit
- Ich fühle mich nicht angenommen
- Ich fühle mich teilweise angenommen
- Ich fühle mich angenommen
5. Wie sehr akzeptieren Sie die Kultur des Landes, in dem Sie leben?
- Sie ist mir völlig fremd
- Sie ist mir teilweise fremd
- Vieles daraus akzeptiere ich
- Ich kann diese Kultur gut annehmen
6. Wie oft fühlen Sie sich einsam?
- Sehr oft, bis hin zu Angst und Panik
- Manchmal
- Selten
- Fast nie
7. Wie gut gelingt es Ihnen, sich um andere Menschen zu kümmern?
- Jeder muss selbst überleben
- Ich kümmere mich selten um andere
- Ich kümmere mich oft um andere
- Ich kümmere mich mehr um andere als um mich selbst
8. Wie sozial aktiv sind Sie?
- Ich bin sozial nicht aktiv
- Ich nehme sehr selten an sozialen Aktivitäten teil
- Ich nehme manchmal an sozialen Aktivitäten teil
- Ich bin sozial aktiv und nehme gerne an Veranstaltungen teil
9. Ehrenamt und Wohltätigkeit in Ihrem Leben:
- Ich engagiere mich nicht ehrenamtlich
- Selten
- Manchmal
- Oft, und ich empfinde es als meine Berufung
10. Haben Sie die Möglichkeit, in Ihrem erlernten Beruf zu arbeiten?
- Nein
- Meine Möglichkeiten sind stark eingeschränkt
- Meine Möglichkeiten sind teilweise eingeschränkt
- Ich habe gute Möglichkeiten, in meinem Beruf zu arbeiten
11. Sind Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden?
- Meine Arbeit gefällt mir überhaupt nicht
- Meine Arbeit gefällt mir eher nicht
- Meine Arbeit gefällt mir teilweise
- Ich arbeite in meinem Traumjob
12. Wie sozial abgesichert fühlen Sie sich?
- Überhaupt nicht abgesichert
- Eher schlecht abgesichert
- Teilweise abgesichert
- Gut abgesichert
13. Wie sicher fühlen Sie sich in der Gesellschaft, in der Sie leben?
- Unsicher
- Eher unsicher
- Ziemlich sicher
- Sicher
14. Ich bin offen und kommunikativ.
- Stimme nicht zu
- Stimme eher nicht zu
- Stimme eher zu
- Stimme voll zu
15. Wie wichtig sind Ihnen die Traditionen und die Kultur Ihres Herkunftslandes?
- Nicht wichtig
- Nicht besonders wichtig
- Teilweise wichtig
- Sehr wichtig
16. Wie nehmen Sie Ihren Status als Immigrant/in oder Expat wahr?
- Sehr negativ
- Eher negativ
- Eher positiv
- Positiv
17. Wie leicht fällt es Ihnen, über Ihr Herkunftsland und Ihre Kultur zu sprechen?
- Ich verberge meine Herkunft
- Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen
- Ich spreche teilweise darüber
- Ich spreche offen darüber
18. Wie bereitwillig halten Sie sich an die Traditionen des Landes, in dem Sie leben?
- Sie sind mir fremd
- Ich akzeptiere sie teilweise
- Ich halte mich oft daran
- Sie sind mir nah und wichtig
19. Wie sehr verbergen Sie Ihre echten Gedanken und Gefühle?
- Ich zeige mich kaum
- Ich zeige mich wenig
- Ich zeige mich teilweise
- Ich zeige mich offen
20. Wie wohl fühlen Sie sich dabei, Ihre Muttersprache zu sprechen?
- Sehr unwohl
- Etwas unwohl
- Eher wohl
- Vollkommen wohl
21. Haben Sie das Gefühl, sich verändern zu müssen, um in die Gesellschaft hineinzupassen?
- Ich muss mich komplett verändern
- Ich muss mich stark verändern
- Ich muss mich etwas verändern
- Ich muss mich nicht verändern
22. Haben Sie das Gefühl, im Überlebensmodus zu leben?
- Ständig
- Oft
- Manchmal
- Selten
23. Haben Sie genug Ressourcen für Kreativität und Hobbys?
- Überhaupt nicht
- Kaum
- Teilweise
- Ja, ausreichend
24. Wie oft fahren Sie in Urlaub oder erlauben sich zu träumen?
- Ich habe dafür keine Kraft
- Selten
- Manchmal
- Oft
25. Wie leicht fällt es Ihnen, Hilfe bei Polizei oder sozialen Diensten zu suchen?
- Sehr schwer
- Nur ungern
- Wenn nötig
- Ich empfinde es als normale Unterstützung
26. Wie sehr sorgen Sie sich um Ihre Zukunft?
- Ständig
- Oft
- Selten
- Kaum
27. Wie kompliziert empfinden Sie das System des Landes?
- Sehr kompliziert
- Ziemlich kompliziert
- Teilweise kompliziert
- Nicht kompliziert
28. Wie belastend ist das Leben für Sie in diesem Land?
- 7–10 Punkte
- 5–7 Punkte
- 3–5 Punkte
- 0–3 Punkte
29. Sind Sie Korruption begegnet?
- Ständig
- Oft
- Manchmal
- Selten
30. Sind Sie Ungerechtigkeit begegnet?
- Ständig
- Oft
- Manchmal
- Selten
31. Wie sehr halten Sie sich an Regeln und Gesetze?
- Selten
- Manchmal
- Ziemlich oft
- Sehr gewissenhaft
32. Wie wohl fühlen Sie sich insgesamt?
- Ich bin ständig außerhalb meiner Komfortzone
- Oft außerhalb meiner Komfortzone
- Manchmal fühle ich mich wohl
- Oft fühle ich mich wohl
33. Wie gut beherrschen Sie die Landessprache?
- Anfänger-Niveau
- Mittleres Niveau
- Gute Sprachkenntnisse
- Niveau C2
34. Fühlen Sie sich durch die Sprache eingeschränkt?
- Ständig
- Oft
- Manchmal
- Ich fühle mich nicht eingeschränkt
Auswertung
Punktevergabe
- Antwort 1 = 1 Punkt
- Antwort 2 = 2 Punkte
- Antwort 3 = 3 Punkte
- Antwort 4 = 4 Punkte
51–75 Punkte
Teilweise Anpassung
Sie befinden sich mitten im Anpassungsprozess. Manche Bereiche Ihres Lebens funktionieren bereits stabil, während andere weiterhin Unsicherheit oder innere Spannungen auslösen. Wahrscheinlich erleben Sie gleichzeitig Fortschritte und Rückschläge.
Möglicherweise schwanken Sie zwischen dem Wunsch, Ihre alte Identität zu bewahren, und dem Bedürfnis, sich an die neue Gesellschaft anzupassen. Das ist ein natürlicher Teil des Migrationsprozesses. Wichtig ist, sich Zeit zu geben und die eigene Entwicklung nicht mit anderen zu vergleichen.
Neue soziale Kontakte, Sprache, Routinen und kleine persönliche Erfolge können Ihre innere Sicherheit stärken.
76–100 Punkte
Gute Anpassung
Sie haben bereits viele innere und äußere Stützen im neuen Land aufgebaut. Wahrscheinlich verstehen Sie die Gesellschaft besser, fühlen sich sicherer und können aktiv am sozialen Leben teilnehmen.
Sie beginnen, zwischen Ihrer Herkunftskultur und der neuen Kultur eine Balance zu finden. Gleichzeitig behalten Sie wichtige Teile Ihrer eigenen Identität bei. Das zeigt psychische Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.
Auch wenn bestimmte Themen — wie Heimweh, Verlust oder Unsicherheit — weiterhin präsent sein können, verfügen Sie bereits über Ressourcen, um mit Herausforderungen umzugehen.
101–120 Punkte
Hohe Anpassung und Integration
Sie fühlen sich im neuen Land weitgehend integriert und emotional stabil. Wahrscheinlich haben Sie gelernt, mit kulturellen Unterschieden umzugehen, Beziehungen aufzubauen und Ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Sie können Ihre Herkunft akzeptieren, ohne sich dafür schämen zu müssen, und gleichzeitig offen für neue Erfahrungen bleiben. Ihre Identität wirkt flexibel und lebendig statt starr oder gespalten.
Menschen mit einem hohen Anpassungsniveau entwickeln häufig neue Perspektiven, persönliche Reife und ein erweitertes Verständnis für sich selbst und andere Kulturen.
121–136 Punkte
Tiefe Integration und innere Stabilität
Sie haben nicht nur gelernt, im neuen Land zu funktionieren, sondern fühlen sich dort innerlich angekommen. Wahrscheinlich erleben Sie sich selbst als handlungsfähig, offen und verbunden mit anderen Menschen.
Sie können sowohl Ihre Herkunftskultur als auch die neue Kultur integrieren, ohne sich selbst zu verlieren. Oft entwickeln Menschen auf diesem Niveau eine sogenannte „interkulturelle“ oder „postmigrantische“ Identität — eine Identität, die mehrere kulturelle Welten miteinander verbindet.
Gleichzeitig bedeutet eine hohe Anpassung nicht, dass Schmerz, Verlust oder Trauer vollständig verschwunden sind. Vielmehr haben Sie gelernt, mit diesen Erfahrungen zu leben, ohne dass sie Ihre Persönlichkeit zerstören.